Keine Klarheit in der Gesundheitsversorgung

Keine Klarheit in der Gesundheitsversorgung

In der ORF Sendung Bürgeranwalt vom 4. Februar 2017 wurde heftig über ein geplantes Augenambulatorium in Floridsdorf debattiert, zwischen Vertretern der Ärztekammer und des Augenchirurgen.

Der Hintergrund: Ein Team von Augenchirurgen möchte in Wien-Floridsdorf ein chirurgisches Augenambulatorium eröffnen. Ein Motiv für ihr Engagement sind die derzeit extrem langen Wartezeiten für Augenoperationen, die durch ihr Institut verkürzt werden könnten. Die Wiener Ärztekammer stellt sich aber gegen dieses geplante Ambulatorium.

Eine gute Sache, sollte man meinen: Die augenärztliche Versorgung in den beiden bevölkerungsstärksten Bezirken Wiens – mehr als die Bevölkerung von Graz - wird ausgebaut. Angesichts einer wachsenden und älter werdenden Bevölkerung ein Gebot der Stunde: Die Nachfrage nach augenmedizinischer Versorgung wird steigen.

Die Debatte offenbarte jedoch die Fallstricke der österreichischen Gesundheitspolitik: Im Mittelpunkt steht nicht der Patient und eine effektive Versorgung bei Augenproblemen, sondern die Diskussion um Organisationsformen niedergelassener Augenärzte. Da die Stadt keine Klarheit schafft, entsteht ein Vakuum, das Interessensvertreter für Machtspiele nutzen. Ein Wett- und Machtstreit der Interessenvertreter im Dickicht der Bürokratie. Selbst die Interessensvertreterin der Patienten, die Wiener Patientenanwältin (im Interview zugespielt) wirkte – sagen wir es mal höflich – reichlich uninformiert bzw. parteilich vereinnahmt.

Der Befund: Es mangelt an Augenärzten – wenig überraschend. Die Erfahrung langer Wartezeiten sind wohl jedem bekannt. Hier werden die Fehler in den Plänen der Stadtregierung offensichtlich: Auf der einen Seite wird die Spitalsversorgung heruntergefahren, auf der anderen Seite aber nicht für einen Ersatz im niedergelassenen Bereich gesorgt. Die Folge ist eine Unterversorgung, wie sie schon derzeit in den Flächenbezirken Floridsdorf und Donaustadt existiert – und die mit der Schließung der Augenambulanz noch weiter verschärft wird. Die Lösung: DAS Augenambulatorium (rechtlich eine Krankenanstalt) ist aber keine – dazu müssten auch die anderen niedergelassenen Ärzte (in welcher Organisationsform auch immer – Gruppenpraxen) die gleichen (Wettbewerbs)bedingungen – sprich verrechenbaren Leistungen – erhalten. Sonst entsteht ein unfairer Wettbewerb für den freiberuflichen Arzt.

Leider fehlten bei der Diskussion Vertreter der Stadt Wien und der Sozialversicherung. Sie hätten vielleicht darüber Auskunft geben können:

  • Warum es so lange Wartezeiten geben muss? Und warum die Wartezeiten von der Versicherung (Patienten kleiner Kassen werden bevorzugt) abhängen – übrigens ein krasser Widerspruch zum Gleichheitsgrundsatz in einem öffentlichen Gesundheitssystem.
     
  • Warum wichtige Eingriffe wie Katarktoperationen (Grauer Star) nicht grundsätzlich jeder niedergelassene Augenarzt der über die Einrichtungen verfügt als Kassenleistung durchführen kann. 
     
  • Warum hingegen Patienten der WGKK (die diesen Eingriff bei den Kassenärzten nicht zahlt) ins Spital ausweichen müssen.
     
  • Warum zugelassen wird, dass sich die Unterversorgung massiv verschärft (weil mit dem Spitalskonzept 2030 die Augenklinik im Donauspital geschlossen wird, ohne entsprechende Kapazitäten im niedergelassenen Bereich zu schaffen.)
     
  • Warum noch immer nicht eine gemeinsame Finanzierung der Wiener Spitäler und des niedergelassenen Bereiches angestrebt wird. Konkret könnte dies modellhaft für die Augenheilkunde erfolgen.
     
  • Warum die Sozialversicherungen mit ihrer Verknappungspolitik zunehmend die öffentliche Gesundheitsversorgung gefährden?
     

Und da eben jene Vertreter(Innen) die maßgeblich für eine integriert geplante, öffentliche Versorgung zuständig sind, fehlen, entlädt sich der Bürgerprotest. Mehr als 20.000 Unterschriften einer Petition gegen die Schließung der Augenklinik - initiiert von einer engagierte Patientin - zeugen vom wachsenden Unmut.

Wobei sich dieser BürgerInnenprotest nicht gegen Veränderung richtet, sondern ganz im Gegenteil einen offenen Dialog für eine fortschrittliche, flächendeckende augenärztliche Versorgung für 340.000 WienerInnen und Wienern einfordert.

Vom „Best point of service“ – dem „neuen“ Mantra der österreichischen Gesundheitspolitik – sind wir in der Realversorgung meilenweit entfernt. Der „Best point of service“ braucht eine integrierte Planung, Vernetzung und Finanzierung der Versorgungseinrichtungen und keinen Verdrängungswettbewerb durch ineffektive, verkrustete Strukturen, Insignien alter Machtpolitik.

Wenn dann die „alte Politik“ noch großmundig über Digitalisierung und Start-ups spricht, gleichzeitig aber solche sklerosen und teuren Strukturen in unserem Gesundheitssystem zulässt, wird es völlig absurd. Ganz im Sinne Schumpeters braucht es eine radikale Zerstörung alter Machtstrukturen, ein Durchschlagen des gordischen Knotens, gerade um die öffentliche Gesundheitsversorgung zu retten.

 

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