Der gesundheitspolitische Kraftakt

Der gesundheitspolitische Kraftakt

Eines kann man der scheidenden Wiener Gesundheitsstadrätin Wehsely nicht vorwerfen: Reformunwilligkeit. Sie hat munter umgerührt und verkrustete Strukturen aufgebrochen. Zu viele Baustellen gleichzeitig, wie manche meinen. Vor allem hat sie die Dynamik der Unzufriedenheit an der Basis unterschätzt. Ein Aufschrei der MitarbeiterInnen im Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV), den man nicht überhören darf. Gerade von einer sozial engagierten Sozialdemokratin hätte ich mehr Empathie erwartet. Die Realitätsverweigerung in der Diskussion um die Ärztearbeitszeiten war schon erstaunlich. Wehsely war schlecht beraten. 

Der Rechnungshof und zahlreiche Kenner der Materie haben immer wieder aufgezeigt und gewarnt, dass die Datenqualität im KAV schlecht ist und die Informationssysteme für die Unternehmenssteuerung mangelhaft funktionieren. Mit Hochglanzbroschüren lassen sich diese Mängel nicht zudecken.

Wenn der Puls des Patienten nicht messbar ist, wird eine Operation zum unkalkulierbaren Risiko. So stellt sich das Herzstück der Strukturreformen dar: das Spitalskonzept 2030. Die Intention ist notwendig und richtig: Bündelung der Ressourcen und neue medizinische Schwerpunktsetzungen.

Am politischen Reißbrett klingt alles überzeugend: Technisch komplex, aber umsetzbar. Scheinbar komplett ausgeblendet ist jedoch die damit notwendige Kulturveränderung. Und der muss man Raum und Zeit geben, will man die MitarbeiterInnen an der Basis nicht verlieren. Die größten Reformvorhaben scheitern zumeist an der Kultur. 

Ein schwieriges Erbe

Am Wiener Gesundheitssystem wird zukünftig von der ehemaligen Stadträtin für Personal operiert, die sich bei der Realitätsverweigerung ihrer Vorgängerin auffallend unauffällig verhalten hat. Es ist gewiss keine leichte Situation für Sandra Frauenberger, die erst einmal auf Versöhnungstour geht. Um das Vertrauen zurück zu gewinnen, ist dies ein gut gemeinter Ansatz. Zuviel Porzellan wurde in den vergangenen Jahren zerschlagen.

Die Personalrochade wäre nun ein guter Zeitpunkt für den dringend notwendigen „Neustart“ im Wiener Gesundheitssystem. Der Lack zeigt immer mehr Risse, die Fakten lassen sich nicht Schönreden: Gangbetten. Lange Wartezeiten auf Untersuchungen und Operationen. Die Unterversorgung mit Strahlentherapiegeräten und massive Belastung für das Gesundheitspersonal sind warnende Beispiele. Eine geplante KAV-Ausgliederung, die zwar als Studie schon vorliegt, aber in alter Politdino-Manier nur hinter verschlossenen Türen diskutiert wird.

Anlässlich einer Pressekonferenz habe ich es so formuliert: Die Arbeiten am Wiener Gesundheitssystem gleichen einer schlecht koordinierten Operation am offenen Herzen. Und wenn wir nicht rasch handeln, dann wird es selbst zum Notfall. Es gilt nun, rasche Lösungen für die dringendsten Probleme anzugehen, aber auch das nicht ausgereifte Spitalskonzept 2030 aufzuschnüren,  dessen Machbarkeit zu evaluieren und die Segel neu zu setzen sind.

1.     Kurzfristige Maßnahmen

Im ersten Schritt sollte eine Task Force mit Expert_innen und Mitarbeiter_innen vor Ort kurzfristig die gröbsten Probleme – wie zB Gangbetten, lange Wartezeiten auf Behandlungen, überfüllte Spitalsambulanzen - in den Griff bekommen. Auch beim KH Nord sollten jetzt die Fakten auf den Tisch, damit die schrittweise Inbetriebnahme über ein transparentes Monitoring sichergestellt wird. Und nicht nur die KAV-Mitarbeiter_innen hätten langsam gerne gewusst, ob sie nun ausgegliedert werden. Die angekündigte Debatte mit der Opposition wartet vermutlich gerade auf Godot.

2.     Langfristige Strukturveränderungen neu konzipieren

Neben den kurzfristigen Maßnahmen, um die Versorgung zu gewährleisten, gilt es, ein langfristig tragfähiges Wiener Gesundheitssystem zu konzipieren. Das Spitalskonzept 2030 ist eine so weitreichende Strukturveränderung, die ohne Vernetzung mit dem niedergelassenen Bereich und anderen Spitalsträgern nicht funktionieren kann. Die jetzige massive Belastung der MitarbeiterInnen zeigt wie stark Theorie und Praxis auseinanderklaffen. Viele Basisdaten und Entwicklungen sind im Spitalskonzept 2030 nicht ausreichend abgebildet – wie etwa das starke Bevölkerungswachstum oder die flächendeckende Versorgung mit Fachärzten (zB Augenheilkunde) in den großen Flächenbezirken. Selbst die Finanzierung von Neubauten und Sanierungen ist unklar.

Herzstück der Strukturveränderung ist die „Zentrale Notaufnahme (ZNA)“. Sie ist der Schlüssel für eine effektive Spitalsversorgung als Anlaufpunkt der nicht geplanten Patientenversorgung. Deren Umsetzung stockt jedoch. Immer wieder wird gewarnt, dass dringender Nachholbedarf bei Personal und Räumlichkeiten herrscht. Aufgrund der enormen Belastung des Personals müssen gerade hier attraktive Arbeitsbedingungen geschaffen werden, um die besten und erfahrensten Köpfe zu bekommen und zu halten. Solange die ZNAs nicht effektiv funktionieren können bestehende Strukturen nicht einfach reduziert werden. Das ist unverantwortlich.

3.     Grundversorgung ausbauen

Strukturveränderungen in der Spitalslandschaft müssen mit dem Ausbau der Grundversorgung Hand in Hand gehen. Dazu gehören der notwendige Ausbau einer wohnortnahen Primärversorgung im niedergelassenen Bereich sowie in der Notfall- und der Telemedizin. Fahren wir einen Bereich in der Gesundheitsversorgung herunter, braucht es nun einmal andere Prozesse und Strukturen, die diesen Wegfall kompensieren. Außerdem müssen wir endlich die Innovationen unserer digitalen Welt nutzen: Anstatt automatisch in die Spitalsambulanz zu pilgern, könnte eine online Abklärung mit einem Spezialisten viel effektiver die notwendigen Schritte skizzieren. In anderen Ländern ist das längst selbstverständlich.

4.     Den gordischen Knoten der Finanzierung durchschlagen

Eine effektive Strukturveränderung steht und fällt mit einer integrierten öffentlichen Finanzierung – wie auch immer diese aussieht: Ob aus einer Hand, einem Topf, einem Fonds - dem Kompetenzdschungel, den ineffizienten Finanzierungsstrukturen von Ländern und Sozialversicherungen muss endlich ein Ende gesetzt werden.

Es ist völlig absurd, warum wir einerseits ein teures Spitalssystem zulassen, und auf der anderen Seite nicht genug Geld für eine angemessene Honorierung im niedergelassenen Bereich haben. Kein Wunder, dass Kassenstellen unattraktiv sind und Wahlärzte boomen. Ein jahrzehntelanger Missstand wird jetzt zum Bumerang und gefährdet die öffentliche Gesundheitsversorgung.

Wien könnte hier zu einer Modellregion mit Vorbildwirkung für andere Bundesländer werden. Im ersten Schritt würde schon die stärkere Verschränkung der Spitalsambulanzen mit niedergelassenen Versorgungseinrichtungen eine Verbesserung bewirken.

Es gibt also jede Menge Baustellen, aber auch gute Lösungsansätze. Die es nun heißt, anzugehen. Denn der Lack von unserer exzellenten Gesundheitsversorgung blättert langsam ab. Eines muss uns klar sein: Nur zufriedene Mitarbeiter_innen sind die Basis für eine gute Patientenversorgung. Und eine Exzellenz in der Wiener Medizin können wir nur dann erreichen, wenn wieder attraktive Rahmenbedingungen geschaffen werden, um die besten und erfahrensten Köpfe zu bekommen – und sie dann auch zu halten.

 

Fotocredit: Orest lyzhechka / Shutterstock, Inc.

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