Mythen der Gesundheitsversorgung I: "Spitalsärzte sind Spitzenverdiener"

Mythen der Gesundheitsversorgung I: "Spitalsärzte sind Spitzenverdiener"

Mythos GELD: „Spitalsärzte verdienen um die Hälfte mehr bei weniger Arbeit"

Ein oft gebrachtes Argument der Wiener Stadtregierung ist der Geldsegen, den sie ihrer Darstellung nach über die Ärzte des KAV regnen ließen. Den ÄrztInnen wird angeblich ein „30 bis 50 Prozent höheres Gehalt“ ausbezahlt. Dass diese Behauptung Wunschdenken ist, wird gerne übersehen und soll in der Bevölkerung wohl einen gewünschten Effekt erzeugen: Neid. Das liebe Geld soll der Stadtpolitik angesichts der angekündigten Proteste als willkommener Spaltpilz zwischen Bevölkerung und Ärzten dienen, sie entsolidarisieren.


Mit Hilfe eines vereinfachten Beispiels möchte ich ihnen erklären, wie die Stadt als Arbeitgeber agiert: 


Stellen sie sich vor, sie sind ein Mechaniker, ihr Verdienst liegt bei 1.500 Euro Grundgehalt brutto. Sie sind fleißig und reparieren pro Woche 10 Autos, und auf Grund von Zulagen und Überstunden steigt ihr Bruttomonatsgehalt auf 2.500 Euro. Ihr Arbeitgeber kündigt ihnen nun an, ihre Zulagen ab nun in das Grundgehalt zu rechnen, weiters stellt er von Pauschal- auf Einzelstundenabrechnung um. 


Er verkauft ihnen mit Hochglanzbroschüren das neue Modell, und sie freuen sich, da sie denken, nun mehr Geld zu verdienen. Aber: 

  • Auf Grund von Einsparungen dürfen sie keine Überstunden mehr machen. Wir erinnern uns: Ihr Arbeitgeber hat von Pauschal- auf Einzelstundenabrechnung umgestellt. Die Modelle in den Hochglanzbroschüren ihres Arbeitgebers waren irreführend, da hier Überstunden eingerechnet waren, die sie nun gar nicht mehr machen dürfen.

 

  • Weiters werden aus Spargründen zwei ihrer Kollegen gekündigt - und sie müssen in der regulären Wochenarbeitszeit (40 Stunden) auch weiterhin 10 Autos reparieren. Aber bitte ohne Qualitätsverlust, denn sie tragen ja eine große Verantwortung.

 

  • Beim Blick auf ihren Gehaltszettel bemerken sie: Statt 1.500 Euro bekommen sie nun 1.700 Euro Bruttomonatsgehalt. Sie fallen durch die Gehaltssteigerung möglicherweise in eine andere Steuerklasse, das Grundgehalt wird höher besteuert wird als die Zulagen. Weiters zahlen sie an ihre Fachvertretung durch das höhere Gehalt auch mehr an den sogenannten Wohlfahrtsfonds.


FAZIT: Sie bekommen netto kaum mehr Geld heraus als vor der Umstellung, lesen aber in den Medien permanent von den großzügigen Gehaltssteigerungen für ihren Sektor. Von der Umstellung haben vor allem zwei Organisationen profitiert - nämlich das Finanzamt und ihre Standesvertretung. 


So fühlen sich zur Zeit die KAV-ÄrztInnen. Was seitens des KAV, der Gewerkschaft (!) und der Stadt Wien kommuniziert wird, ist reine Augenauswischerei. In der Öffentlichkeit werden KAV-ÄrztInnen ganz bewusst als Großverdiener dargestellt, um die Patienten zu entsolidarisieren. Die meisten der Ärzte, die ich kenne, sind entgegen den Darstellungen der Politik keine SpitzenverdienerInnen. Angesichts der hohen persönlichen Verantwortung, der langen Ausbildungszeit und der Nachtarbeit verdienen die meisten mittelmäßig. Die Ärztekammer Wien wäre nun gefordert, denn sie müsste fairerweise ihre Abgaben reduzieren. Schließlich waren sie ja auch an dieser Kompromiss-Lösung beteiligt: Die rote Gewerkschaft war sich mit der roten Stadträtin und dem roten Ärztekammerpräsidenten schnell einig. 


Die ÄrztInnen fühlen sich nun zu Recht gefrotzelt, die Wiener Ärztekammer hat ihren Fehler bereits eingesehen. Stellt sich nun nur noch die Frage, wie lange die Stadtpolitik und die Gewerkschaft auf eine Reform pochen, die in der Realität mit einem massiven Vertrauensverlust der Ärzte goutiert wurde. 

Willkommen in der Stadt der Menschenrechte

Willkommen in der Stadt der Menschenrechte

Spitalsärzte streiken – dürfens denn des?

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