Klimaschutz auf Wienerisch

Klimaschutz auf Wienerisch

Klimaschutz auf Wienerisch enthält Paradoxa, wie wir nicht erst seit kurzem wissen. Im Klimaschutzbericht der Stadt Wien wird noch um Ernsthaftigkeit gerungen. Und dann wird man in der Wiener Lokalpolitik mit der Realität konfrontiert: Die Wiener Parteien kämpfen für die Zieselpopulation in Floridsdorf – um im gleichen Atemzug den Bau eines Autobahntunnels zu fordern, der quer durch ein Naturschutzgebiet führt. Der Lobautunnel sei alternativlos, da mit dem immer stärker werdenden Verkehrsaufkommen der Bau unumgänglich ist.

Hier wird mit Argumenten der 1950er Jahre versucht, Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Das muss man erst einmal zusammenbringen. Wiener Politiker kämpfen eben mit der gleichen Verbissenheit für Klimaziele wie um den autofahrenden Wähler. Ironie off. 

Klimaschutz: Ins mutige Handeln kommen

175 Staaten, darunter auch Österreich, haben heuer das Pariser Klimaschutzabkommen unterschrieben. Ich denke jedoch, dass den meisten Menschen gar nicht bewusst ist, was dieses Bekenntnis wirklich bedeutet.

Um die globale Erderwärmung auf Zwei-Grad zu begrenzen (gegenüber vorindustriellen Werten), ist ein nahezu kompletter Ausstieg aus fossilen Energieträgern in den kommenden 15-20 Jahren notwendig. Das Pariser Abkommen spricht sogar davon, dass Anstrengungen von 1,5°C unternommen werden sollten (bereits heute liegen wir bei 1°C) – dies würde de facto einen sofortigen Ausstieg aus fossiler Energie (zumindest für die Industriestaaten) erfordern.

Städte sind der Dreh- und Angelpunkt für wirksame Schritte in Richtung Nachhaltigkeit und 1,5-Grad-Ziel. Das heißt, wir müssen bereits heute in Infrastruktur investieren, die de facto „klimaneutral“ ist. Das scheint aber auf der politischen Ebene noch nicht verstanden worden zu sein. Wien ist immer noch sehr stark abhängig von fossilen Energieträgern, der Nettoimport für Primärenergie stammt zu 40 % aus Erdgas, und zu einem Drittel aus Erdöl.

Bei aller PR-Euphorie über den Klimaschutz müssen wir also endlich mutiger ins Handeln kommen. Das Pariser Klimaschutzabkommen bedeutet eine völlige Abkehr von unserer Retro-Verkehrspolitik, einen radikalen Wandel in den Bereichen Gebäude, Mobilität und intelligente Niedrigst-Energiesysteme zunehmend gespeist mit Erneuerbaren. Um das zu schaffen, müssen wir also intelligent investieren – und zwar nicht in Autobahnen, die den motorisierten Individualverkehr wie ein Magnet anzieht. Es bedeutet, jetzt investieren zu müssen - in Bildung, Forschung, nachhaltige Mobilität, intelligente Gebäuden als dezentral vernetzte „Kraftwerke“.

Wien könnte dadurch wieder seine Vorreiterrolle im Klimaschutz einnehmen, den es einmal hatte. So hat die Stadt Wien sehr früh (1999) ein Klimaschutzprogramm gestartet (KLIP), leider beinhaltet das Konzept einen Konstruktionsfehler. Der zentrale Hebel der „Fernwärme“ – wird gerne als nahezu CO2-frei verkauft, obwohl sie großteils aus fossilen Energieträgern stammt – funktioniert nicht mehr. Das beweist einmal mehr, dass Strategien, Programme und Förderinstrumente technologieoffen auszugestalten sind, um auch Strukturveränderungen zu ermöglichen.

Klimaschutz darf nicht eindimensional wie in den vergangenen Jahren betrachtet und nur politisch verwaltet werden. Klima- und Energiestrategie sind verschränkt zu denken, Maßnahmenbündel mit anderen Strategien zu akkordieren und die Umsetzung muss überregional koordiniert erfolgen.

Helfen würde es ja bereits, den Fleckerlteppich der unterschiedlichen Strategien der Stadt (KLIP II, SEP, SCW, STEP 2025) mit ihren unzähligen Energie-, Klima-, und Umweltzielen, Aktionsfeldern und Zeithorizonten zusammenzuziehen und zu harmonisieren. Erst durch die Harmonisierung vermeiden wir Widersprüche und schaffen Klarheit, können die vorhandenen Ressourcen sinnvoll und zielgerichtet einsetzen.

Eine intelligente Energie- und Klimapolitik ist zudem ein Wirtschafts- und Jobmotor mit Zukunft. Alleine die nachhaltige Mobilität könnte in ganz Österreich für 200.000 Arbeitsplätze sorgen. In Zeiten der Arbeitsmarktkrise neben allen anderen gewichtigen Argumenten doch eigentlich auch eine Überlegung wert, Klimaschutz endlich mutig anzupacken.

Standort Wien, wir haben ein Problem...

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Realitätsverweigerung in der Wiener Gesundheitsversorgung

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