Rechenstunde, die 1.

Rechenstunde, die 1.

Der Bibel nach konnte Jesus über Wasser gehen, Wasser in Wein verwandeln. Die Wiener Stadtpolitik konnte praktisch über Nacht einen Ärztemangel erzeugen. Die Folgen traf nun ausgerechnet eine Kinderambulanz. Sie fragen sich, wie das geht? Ganz einfach!

Die Gesundheitsversorgung in Österreich ist exzellent. Getragen von Menschen die sich tagtäglich um die Anliegen der Patienten bemühen, rund um die Uhr. Aber dieses System steht massiv unter Druck. In Krisenzeiten – bei Epidemien, Grippewellen – verschärft sich der Druck bis zum Zusammenbruch. Bemerkt werden zumeist nur die Symptome: „lange Wartezeiten“.

Dann ist der Aufschrei groß. „Spitalskandal“ titelten die Boulevard-Blätter. Überfüllte Ambulanzen im Donauspital. Schreiende Kinder. Rebellierende Eltern. Erschöpftes Krankenhauspersonal. Aktionistisch agierende Politiker. Benannt werden nur die Symptome. Schlagzeilenträchtige Blitzlichter.

Einer breiten Öffentlichkeit unbemerkt bleibt, dass einiges schon lange nicht funktioniert. Dass die Belastung, die Verdichtung der Arbeitszeit bei Ärzten besonders in der Kinder- und Jugendheilkunde massiv zugenommen hat.  Es ist die Folge einer Gesundheitspolitik, die Ärzte und Pflegekräfte krank macht. Strukturreformen und Spitalskonzepte werden nicht zu Ende gedacht. Das ist nicht nur ein österreichisches Phänomen, auch in Deutschland wächst der Widerstand. Warnende Stimmen werden ausgeblendet.

Wie reagieren die politisch Verantwortlichen? Mit Ankündigungen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten schweigt überhaupt. Die Forderung nach mehr Kassenärzten, die dann sinnvollerweise die Ambulanzen entlasten sollten, greift ins Leere. Heute können schon nicht alle Kassenverträge in der Kinder- und Jugendheilkunde nachbesetzt werden. Kein Wunder bei der Belastung und dem unternehmerischen Risiko. Außerdem fehlt der ärztliche Nachwuchs. Die eng getaktete Zeit der Spitalsärzte bietet kaum mehr Raum für Lernen. Darunter leidet die Ausbildungsqualität massiv.

Der Engpass in der Kinderambulanz im Donauspital ist also kein bedauernswerter Einzelfall, sondern logische Konsequenz eines strukturellen Problems. Einer der Knackpunkte ist das neue Ärztearbeitszeitgesetz. Es wird mit falschen Zahlen gerechnet. Vollzeitäquivalente sind Phantomzahlen, hier werden Äpfeln mit Birnen verglichen. Und das geht so: Da die tatsächlichen Arbeitsstunden im alten System nicht genau erfasst wurden (durften), ist im neuen System das Vollzeitäquivalent mit 40h nicht vergleichbar. Wer früher 60 Stunden/Woche gearbeitet hat und heute nur mehr 40 Stunden/Woche leistet (bzw. leisten darf), zieht ein Drittel seiner Arbeitsleistung aus dem System. Das erklärt den sogenannten „Ärztemangel“. Tatsächlich bedeutet dies, dass heute rund 30% an Ärztearbeitszeit fehlen bei gleichbleibender medizinischer Dienstleistung.

Zusätzlich werden zunehmend Nachtdienste von 25h auf Schichtdienste mit 12,5h umgestellt mit weiteren Personalkürzungen und mehr Dienstübergaben. Die Fließbandarbeit hält Einzug. Es mag Fachdisziplinen geben, bei denen dieses Konzept funktioniert. In einem Intensivfach wie der Kindermedizin, wo Teamarbeit und Erfahrungsaustausch unerlässlich sind sieht dies anders aus. Hier wird jedenfalls am falschen Platz gespart.

Bei den Spitalskonzepten und Strukturmaßnahmen muss man viel mehr auf jene Ärzte hören die an der Front stehen und wissen was zu tun ist. Es braucht dringend eine gemeinsame Anstrengung aller Interessensvertreter und letztendlich eine gemeinsame Finanzierung der Spitäler und des niedergelassenen Bereiches.

 

Realitätsverweigerung in der Wiener Gesundheitsversorgung

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